Vom verrufenen Hafentanz zum globalen Kulturgut
Die Wurzeln des Tango Argentino liegen im späten 19. Jahrhundert am Rio de la Plata. In den überfüllten Einwanderervierteln von Buenos Aires und Montevideo, den sogenannten Conventillos, trafen europäische Migranten auf afrikanische Rhythmen und die Musik der einheimischen Gauchos. Aus dieser Melange aus Heimweh, Hoffnung und Einsamkeit entstand die raue Geschichte der Tanzmusik in Südamerika. In den Spelunken und Bordellen der Hafenviertel wie La Boca formte sich die Guardia Vieja tango, die alte Garde des Tangos. Damals war der Tanz verrucht, hochgradig improvisiert und in der feinen Gesellschaft absolut tabu. Männer tanzten oft untereinander auf der Straße, um die komplexen Schritte zu üben und Frauen in den Tanzsalons zu beeindrucken.
Der Sprung über den Ozean in die Pariser Salons
Der eigentliche Wendepunkt für die weltweite Akzeptanz des Tangos ereignete sich im frühen 20. Jahrhundert in Europa. Junge, wohlhabende Argentinier brachten den Tanz in die Vergnügungsviertel von Paris. Dort entwickelte sich eine regelrechte Tangomanie, die die moralischen Hüter der alten Welt schockierte und gleichzeitig faszinierte. Erst als die Pariser High Society den Tanz für salonfähig erklärte, änderte sich auch in Buenos Aires die Einstellung der Oberschicht. Der Tango kehrte gereinigt und glamourös in seine Heimat zurück, eroberte die großen Ballsäle und leitete das goldene Zeitalter der 1930er und 1940er Jahre ein. Wer heute den Einstieg wagt, sucht oft gezielt nach einem Tanzpartner für Tango gesucht, um diese tiefe Verbindung im Tanz selbst zu spüren.
Die Revolution des Tango Nuevo durch Astor Piazzolla
Nach einer Phase des Niedergangs in den 1950er Jahren, bedingt durch politische Umbrüche und den Siegeszug des Rock 'n' Roll, erfand sich die Musikrichtung völlig neu. Die Astor Piazzolla Geschichte markiert den Beginn des Tango Nuevo. Piazzolla, der klassische Kompositionslehre in Paris studiert hatte, brach mit den starren Traditionen der Tanzorchester. Er integrierte Elemente des Jazz und der klassischen Moderne in den traditionellen Rhythmus und brachte das Bandoneon von der Tanzfläche in die internationalen Konzertsäle. Obwohl er anfangs von Traditionalisten in Argentinien angefeindet wurde, rettete seine musikalische Revolution das Genre vor dem Vergessen und ebnete den Weg für die weltweite Renaissance des Tangos auf den modernen Milongas.

