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Bühnenwissen5 Minuten

Was eine Deutschlandpremiere für Tanz in Bonn bedeutet

Von Mary De LucaStand

Kurz gesagt
  • Eine Deutschlandpremiere bezeichnet die erste Aufführung eines bestimmten Tanzwerks oder einer benannten Fassung in Deutschland.
  • Ein als Deutschlandpremiere gezeigtes Tanzstück kann zuvor bereits im Ausland aufgeführt worden sein.
  • Für Bonn ist ein Schwerpunkt auf Deutschlandpremieren in der Gastspielreihe des Theater Bonn dokumentiert.
  • Der dokumentierte Schwerpunkt belegt weder aktuelle Premierentermine noch, dass jedes Gastspiel eine Deutschlandpremiere ist.

Das Wort Premiere kann Erwartungen an einen noch unerprobten Abend wecken. Bei einer reisenden Tanzproduktion begegnet dir jedoch möglicherweise ein Werk, das andernorts bereits ein Publikum und eine Aufführungsgeschichte hat.

DefinitionAufführungsgeschichte

Aufführungsgeschichte bezeichnet die bisherigen Aufführungen eines Werks und die dabei entstandenen Veränderungen, Erfahrungen und Reaktionen. Sie kann schon vor dessen erster Präsentation in Deutschland begonnen haben.

Der Bonner Schwerpunkt betraf die erste Begegnung im Land

Für Bonn ist die Reihe „Highlights des Internationalen Tanzes“ am Theater Bonn mit einem Schwerpunkt auf Deutschlandpremieren dokumentiert. Die Beschreibung gehört zur Entwicklung der Gastspielreihe nach der Spielzeit 2007/2008 und nennt das Opernhaus als Bühne. Sie belegt einen damaligen Schwerpunkt, aber kein heutiges Programm. Aus ihr lässt sich weder ein kommender Premierentermin noch eine unverändert fortgeführte Auswahlpraxis ableiten.

Für die Einordnung internationaler Gastspiele ist dieser Schwerpunkt trotzdem aussagekräftig: Die Auswahl richtete sich auch darauf, Arbeiten erstmals einem Publikum in Deutschland zugänglich zu machen. Der besondere Anlass lag damit in der deutschen Aufführungsgeschichte, nicht zwingend in der Entstehung des Werks. Eine Produktion konnte international schon unterwegs gewesen sein, bevor sie in Bonn gezeigt wurde.

Das unterschied den beschriebenen Schwerpunkt von einer bloßen Zusammenstellung bekannter Werke. Er lenkte Aufmerksamkeit darauf, welche Arbeiten hier erstmals zu erleben waren. Das Wort „Schwerpunkt“ bleibt dabei wichtig: Es benennt eine Gewichtung innerhalb der Auswahl. Es besagt nicht, dass jede eingeladene Produktion denselben Premierestatus hatte oder dass die Kompanie zuvor noch nie in Deutschland aufgetreten war.

Mit einer Produktion reisen auch Kostüme und Bühnentechnik, nicht nur die Menschen auf der Bühne.
Mit einer Produktion reisen auch Kostüme und Bühnentechnik, nicht nur die Menschen auf der Bühne.

Ein Werk kann vor seiner Deutschlandpremiere erprobt sein

Stell dir eine Tanzproduktion vor, die zunächst im Ausland aufgeführt wurde und anschließend nach Deutschland reist. Ihr erster deutscher Abend kann eine Deutschlandpremiere sein, obwohl die Tänzerinnen und Tänzer die Abläufe bereits vor Publikum erlebt haben. Die Uraufführung, also die erste Aufführung des Werks überhaupt, liegt in diesem Beispiel schon zurück. Das ist keine abgeschwächte Premiere, sondern eine andere Aussage darüber, was erstmals geschieht.

Diese Unterscheidung verändert deine Erwartung an die Bühne. Du musst nicht mit einer frisch fertiggestellten Arbeit rechnen. Die Kompanie kann Übergänge, gemeinsame Einsätze und den Umgang mit Requisiten bereits durch Aufführungen erprobt haben. Wie lange eine Produktion unterwegs war, verrät das Etikett allerdings nicht.

Auch ein älterer Werktitel widerspricht einer Deutschlandpremiere nicht automatisch. Entscheidend ist, welche Arbeit angekündigt wird: das Werk selbst oder eine ausdrücklich benannte neue choreografische Fassung. Eine Kompanie kann einen bekannten Stoff anders gestalten. Deshalb gehört der Premierestatus zur konkreten Produktion und lässt sich nicht allein aus dem Titel einer Geschichte ableiten. Ebenso wenig bedeutet er, dass die beteiligten Künstlerinnen und Künstler erstmals in Deutschland arbeiten.

Was die Bezeichnung trägt und was nicht

Stimmt

  • Die erste Aufführung in Deutschland ist gemeint
  • Das Werk kann im Ausland schon gezeigt worden sein
  • Der Status bezieht sich auf das benannte Werk oder die Fassung
  • Ein Schwerpunkt lässt auch andere Gastspiele zu

Mythos

  • Das Werk wird zum ersten Mal überhaupt aufgeführt
  • Die Kompanie muss ebenfalls erstmals auftreten
  • Jeder spätere Abend am selben Ort ist wieder eine Deutschlandpremiere
  • Jedes Stück der Reihe muss eine Deutschlandpremiere sein

Neu für ein Publikum und neu geschaffen sind zwei verschiedene Aussagen über denselben Tanzabend.

udansa-Redaktion

Der Premierestatus erklärt den Anlass, nicht den Wert

Für dich als Zuschauerin oder Zuschauer liefert die Bezeichnung zunächst einen Zusammenhang: Dieser Abend steht am Anfang der deutschen Aufführungsgeschichte der angekündigten Arbeit. Daraus folgt weder ein bestimmter Stil noch ein Qualitätsurteil. Eine Deutschlandpremiere kann eine klare Erzählung zeigen oder ohne Handlung auskommen; sie kann technisch aufwendig oder mit wenigen Mitteln gestaltet sein.

Neu ist außerdem nicht für alle dasselbe. Wer eine Produktion bereits im Ausland gesehen hat, erlebt bei ihrem ersten deutschen Auftritt keine persönliche Erstbegegnung. Wer sie zum ersten Mal sieht, braucht umgekehrt keinen Premierestatus, damit der Abend neu und anregend ist. Die geografische Einordnung und dein eigenes Erleben sind voneinander unabhängig.

Auch die lokale künstlerische Arbeit lässt sich nicht an dieser Bezeichnung messen. Als ergänzende Perspektiven auf Bonn stehen die Beiträge zum Theater im Ballsaal als Ort künstlerischer Arbeit und zur dokumentierten Rolle von CocoonDance. Der Bonner Premierenschwerpunkt beschreibt dagegen, wie internationale Arbeiten hier erstmals sichtbar wurden. Er ordnet einen Anlass ein, ohne andere Aufführungen aufzuwerten oder abzuwerten.

Zwei Erfahrungen desselben ersten Abends

Publikum

Eine Arbeit erstmals hier erleben

Die Begegnung beginnt vor Ort

Für dich können Bewegungssprache, musikalische Entscheidungen und räumliche Bilder neu sein. Auch ohne die früheren Aufführungen zu kennen, erlebst du ein vollständiges Werk und kannst eine eigene Beziehung dazu entwickeln.

Kompanie

Eine Arbeit in einen neuen Raum bringen

Erfahrung trifft auf andere Bedingungen

Die Mitwirkenden können auf gemeinsame Aufführungserfahrung zurückgreifen. Zugleich verändern ein anderer Bühnenraum und ein anderes Publikum die konkrete Situation, selbst wenn die Choreografie unverändert bleibt.

Häufige Fragen

  1. Nein, der Status einer Deutschlandpremiere sagt nichts darüber aus, wie experimentell ein Tanzstück ist. Ein Werk mit vertrauten Formen kann genauso erstmals in Deutschland gezeigt werden wie eine offene, ungewohnte Arbeit. Die Bezeichnung beschreibt den Aufführungsort in der Geschichte des Werks, nicht seine Ästhetik.

Eine neue Arbeit gemeinsam erleben

Auf udansa connect findest du Menschen in Bonn, mit denen du einen Tanzabend besuchen und anschließend über eure unterschiedlichen Eindrücke sprechen kannst.

Eine neue Arbeit gemeinsam erleben