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Tanzkultur5 Minuten

Wie Tanzveranstaltungen Wien kulturell prägen

Von Mary De LucaStand

Kurz gesagt
  • Tanzveranstaltungen haben Wien durch gesellschaftliche Ballrituale, professionelles Ballett und den Austausch über zeitgenössischen Tanz geprägt.
  • Berufsständische Bälle verbinden die Geschichte des Feierns mit der öffentlichen Darstellung einzelner Berufsgruppen.
  • Der Wiener Opernball verbindet eine choreografierte Eröffnung mit dem anschließenden gemeinsamen Tanzen der Gäste.
  • ImPulsTanz und das Tanzquartier stehen für eine jüngere Entwicklung, die Tanz auch als künstlerische Auseinandersetzung versteht.

Ein Ball erzählt auch davon, wer ein Fest ausrichtet und sich dort zeigt. Eine Tanzproduktion kann dagegen vertraute Körperbilder infrage stellen: Beides gehört zur kulturellen Geschichte Wiens, aber aus unterschiedlichen Gründen.

DefinitionImmaterielles Kulturerbe

Immaterielles Kulturerbe bezeichnet überlieferte Praktiken, Kenntnisse und Ausdrucksformen, die Menschen weitergeben. Dazu können Musik und Tanz gehören, nicht nur Gegenstände oder Gebäude.

Ballkultur verbindet Musik und gesellschaftliche Rollen

Die Geschichte der Ballkultur in Wien führt zum Wiener Kongress 1814/15 zurück: Gastgeber unterhielten die angereisten Delegierten mit Bällen. Feiern und gesellschaftliche Begegnung gehörten damit zusammen. Joseph Lanner und die Familie Strauss lieferten tanzbare Walzermusik und dirigierten ihre Orchester selbst. Tanz war hier kein vom gesellschaftlichen Leben getrenntes Bühnenereignis.

Berufsständische Bälle machen eine weitere Bedeutung sichtbar. Kaffeesiederball und Zuckerbäckerball sind in der überlieferten Ballkultur mit der Hofburg verbunden. Bereits die Namen zeigen, welche Berufsgruppen sich als Gastgeber darstellen. Ein solches Fest bietet deshalb nicht bloß Musik: Es gibt einer beruflichen Gemeinschaft einen öffentlich erkennbaren Rahmen.

Zum dokumentierten Bild der Wiener Ballsaison gehören über 300 Ballnächte und Rituale wie Eröffnungsfanfaren, der Einzug der Debütantinnen und Debütanten, der Ausruf „Alles Walzer!“ und die Mitternachtsquadrille. Diese Beschreibung ist keine bestätigte Veranstaltungszahl für die laufende Saison. Kulturell entscheidend ist die gemeinsame Form: Wiederkehrende Abläufe machen aus einzelnen Festen eine erkennbare Tradition.

Der Wiener Walzer wurde im November 2017 in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Gemeint ist die Praxis des Spielens, Tanzens und Singens, nicht allein eine bekannte Melodie oder ein festliches Kostüm.

Ein Bühnenabend kann gerade dort interessant werden, wo eine Bewegung keine eindeutige Geschichte erzählt.
Ein Bühnenabend kann gerade dort interessant werden, wo eine Bewegung keine eindeutige Geschichte erzählt.

Die Staatsoper zeigt zwei verschiedene Arten von Tanz

Ein Gebäude legt noch nicht fest, welche Rolle Tanz darin spielt. Das lässt sich an der Geschichte der Wiener Staatsoper erkennen. Die erste Hofopern-Soirée fand 1877 statt, die erste Veranstaltung unter dem Namen Opernball 1935. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Opernball 1956 wieder aufgenommen. Diese Stationen zeigen, dass auch eine vertraut wirkende Tradition Unterbrechungen und Veränderungen kennt.

Das dokumentierte Eröffnungsformat verbindet den Einzug eines Debütantenkomitees mit einem choreografierten Programm, einem Walzer und der Freigabe des Balls für die Gäste. Die Eröffnung stellt das gemeinsame Fest zunächst als sorgfältig gestaltetes Bild dar. Wenn du einen solchen Ablauf betrachtest, sind Aufstellung, Kleidung und musikalischer Einsatz Teil seiner gesellschaftlichen Aussage. Das spätere Tanzen erfüllt eine andere Funktion als dieser Auftakt.

Daneben steht die Geschichte des Wiener Staatsballetts: 2005 wurden die Ballette von Staatsoper und Volksoper zusammengeführt; seit 2010 trägt das Ensemble seinen heutigen Namen. Hier ist Tanz das aufgeführte Kunstwerk selbst. Eine Produktion kann über Bewegung, Besetzung und musikalische Gestaltung einen eigenen Gedanken entwickeln.

Wie stark die Wirkung vom gewählten Ausschnitt abhängt, kennst du auch von Tänzen aus Film und Fernsehen. Eine übertragene Ballöffnung vermittelt einen anderen Eindruck als ein ganzer Abend im Saal.

Kulturelle Bedeutung genauer lesen

So ja

  • Beim Berufsball auch den Gastgeber im Namen beachten
  • Die Ballöffnung als inszenierten Auftakt betrachten
  • Bei einer Produktion Wiederholungen und Pausen beobachten
  • Den Walzer als Musik und weitergegebene Tanzpraxis verstehen

So nicht

  • Den Berufsball nur auf seine Tanzmusik reduzieren
  • Aus der Ballöffnung auf den ganzen Abend schließen
  • Nur schwierige Sprünge als künstlerische Leistung zählen
  • Den Walzer auf ein Kostüm und eine Melodie verkürzen

Die Eröffnung eines Balls und eine Ballettaufführung nutzen beide Choreografie, aber sie geben ihr unterschiedliche Aufgaben.

udansa-Redaktion

Zeitgenössischer Tanz erweitert die kulturelle Debatte

Mit den Internationalen Tanzwochen entstand 1984 eine weitere Entwicklungslinie in Wien. Karl Regensburger und Ismael Ivo gründeten das Festival, das seit 1988 ImPulsTanz heißt. Seine dokumentierte Verbindung von Aufführungen und Workshops eröffnet einen anderen Zugang als ein rein gesellschaftlicher Festabend: Tanz kann zugleich gesehen, ausprobiert und diskutiert werden.

Zum beschriebenen Festivalformat gehören auch Public Moves, kostenlose Klassen im Freien. Der kulturelle Unterschied liegt im Zugang. Wer selbst eine Bewegung erprobt, erlebt Gewicht, Rhythmus und Anstrengung körperlich, statt sie ausschließlich von außen zu beurteilen. Das erklärt die Bedeutung des Formats, ohne einen aktuellen Termin oder eine heutige Teilnahmebedingung zu behaupten.

Das Tanzquartier Wien eröffnete im Herbst 2001 im MuseumsQuartier als erstes Produktions- und Veranstaltungshaus Österreichs ausschließlich für zeitgenössischen Tanz und Performance. Damit erhielt diese Arbeit einen eigens dafür vorgesehenen institutionellen Rahmen. Zeitgenössischer Tanz muss dabei keine Handlung mit eindeutig benannten Figuren erzählen. Wiederholung, Stillstand, Nähe oder Erschöpfung können selbst zum Gegenstand einer Aufführung werden.

Für deine Orientierung heißt das: Wiener Tanzkultur lässt sich nicht auf festliche Paardrehungen reduzieren. Balltradition und künstlerische Experimente beantworten unterschiedliche gesellschaftliche Fragen. Den größeren Zusammenhang von Unterricht und Tanzleben findest du auf der Seite Tanzen in Wien; konkrete Veranstaltungsangaben gehören in aktuelle Einträge, nicht in diese historische Einordnung.

Zwei Formen kultureller Zugehörigkeit

Tradition

Ein Ritual wiedererkennen

Gemeinsame Zeichen geben einem Fest Kontur

Fanfare, Einzug und gemeinsame Tanzfreigabe verbinden unterschiedliche Gäste über einen bekannten Ablauf. Wiedererkennen kann Zugehörigkeit schaffen, auch wenn du nicht jede historische Einzelheit kennst.

Experiment

Eine Wahrnehmung teilen

Auch ungewohnte Bewegung schafft Gesprächsstoff

Eine Produktion kann dir einen Körper oder eine alltägliche Geste anders zeigen. Du teilst mit anderen denselben Aufführungsmoment, ohne daraus dieselbe Deutung ableiten zu müssen.

Häufige Fragen

  1. Der Wiener Walzer wurde 2017 in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Das ist von der Welterbeliste für Kultur- und Naturstätten zu unterscheiden. Die Anerkennung betrifft eine weitergegebene Praxis des Spielens, Tanzens und Singens, nicht ein bestimmtes Gebäude oder einen einzelnen Ball.

Wiens Tanzkultur hat viele Zugänge

Auf udansa findest du Veranstaltungseinträge in Wien, mit denen du die beschriebenen kulturellen Formen mit aktuellen Anlässen verbinden kannst.

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