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Musikalische Form5 Minuten

Remate und Cierre: Der Unterschied liegt im Anschluss

Von Bernhard De LucaStand

Kurz gesagt
  • Ein Remate pointiert eine musikalische oder tänzerische Wendung und muss keinen ganzen Abschnitt beenden.
  • Ein Cierre kennzeichnet einen Abschnittsabschluss, auch wenn die Musik danach ohne längere Pause weitergeht.
  • Dieselbe Akzentfigur kann als Remate wirken und zugleich einen Cierre bilden.
  • Die Bezeichnungen überlappen je nach Unterrichtstradition; entscheidend sind musikalischer Zusammenhang und Anschluss.

Ein energischer Moment wirkt schnell wie ein Schluss. Wenn du im Flamenco nur auf diesen Moment schaust, entgeht dir jedoch oft, ob die laufende Passage weitergetragen wird oder tatsächlich Platz für etwas anderes macht.

DefinitionCompás

Compás bezeichnet im Flamenco die rhythmische Ordnung eines Palos, einschließlich seines wiederkehrenden Zeitgefüges und seiner charakteristischen Betonungen. Er bleibt auch dann spürbar, wenn du gerade keine Schritte oder hörbaren Akzente setzt.

Ein Remate setzt Gewicht innerhalb einer Passage

Beim Remate im Flamenco geht es hier um eine pointierende Funktion: Eine Wendung wird zugespitzt, beantwortet oder zu einem prägnanten Ende geführt. Das kann innerhalb eines größeren Abschnitts geschehen. Du hörst einen lokalen Endpunkt, ohne dass damit der gesamte Verlauf abgeschlossen sein muss.

Als erstes Tangos-Beispiel dient eine bewusst vereinfachte Unterrichtsszene. Die Zählung lautet gleichmäßig 1, 2, 3, 4. Eine laufende tänzerische Passage erhält auf 2 und 3 zwei kurze Akzente; auf 4 bleibt die Bewegung gesammelt. Mit der nächsten 1 läuft dieselbe Passage weiter, die Begleitung trägt denselben Zusammenhang fort.

Die kleine Akzentgruppe wirkt hier wie ein Satzzeichen innerhalb eines längeren Gedankens. Wir betrachten sie als Remate, weil sie eine Wendung pointiert. Die Zählung ist dabei kein vorgeschriebenes Remate-Muster für alle Tangos, sondern macht eine mögliche Funktion verständlich.

Dass Akzente und gehaltene Momente zusammengehören, begegnet dir auch beim Timing von Tientos-Phrasen. Hier interessiert jedoch ausschließlich, welchen Umfang die pointierte Stelle beendet: eine kleine Wendung oder einen ganzen Abschnitt.

Detailaufnahme der Füße von Flamencotänzern vor schwarzem Hintergrund
Auch ein leiser Abschluss kann eindeutig sein, wenn die vorherige Bewegung keine Fortsetzung mehr verlangt.

Ein Cierre macht eine Abschnittsgrenze hörbar

Beim Cierre im Flamenco steht der Abschluss eines Abschnitts im Vordergrund. Gemeint ist nicht zwangsläufig das Ende des ganzen Tanzes. Eine zusammengehörige Passage wird geschlossen; danach kann eine andere Passage beginnen oder eine andere musikalische Aufgabe in den Vordergrund treten.

Das zweite Tangos-Beispiel verwendet dieselbe vereinfachte Zählung und dieselben Akzente auf 2 und 3. Diesmal stehen sie am Ende einer bereits aufgebauten Passage. Auf 4 sammelt sich die Bewegung. Mit der folgenden 1 wird die bisherige Passage nicht wieder aufgenommen: Die Begleitung führt in einen neuen Zusammenhang, und der Tanz lässt die vorherige Bewegungsidee hinter sich.

Hier beschreiben wir die Stelle als Cierre. Sie kann zugleich ein Remate sein, denn auch dieser Abschnittsabschluss besitzt eine pointierende Gestalt. Der Unterschied zwischen beiden Beispielen steckt deshalb nicht in zusätzlichen Schlägen, sondern im Verhältnis zum Vorher und Nachher.

In einem Tablao mit seiner kleinen Flamenco-Bühne wird dieses Zusammenspiel besonders greifbar: Tanz, Gesang und Gitarre gestalten den Verlauf gemeinsam. Ein auffälliger Tanzakzent allein erklärt noch nicht, ob dieser gemeinsame Verlauf gerade eine Grenze erreicht.

Funktion erkennen statt Lautstärke bewerten

So ja

  • Den Akzent zusammen mit dem folgenden Compás hören
  • Bei einem Cierre den endenden Abschnitt benennen
  • Eine Figur mit beiden Begriffen beschreiben, wenn beides passt
  • Zählbeispiele als vereinfachte Unterrichtsfassung verstehen

So nicht

  • Den Akzent aus der laufenden Passage herausschneiden
  • Jeden einzelnen starken Schlag Cierre nennen
  • Remate und Cierre immer als Gegensätze behandeln
  • Eine Beispielzählung auf alle Tangos-Abschlüsse übertragen

Ob eine Stelle wirklich schließt, hörst du nicht an ihrer Lautstärke allein, sondern daran, was sie hinter sich beendet.

udansa-Redaktion

Die Begriffe überlappen, die Funktion bleibt erkennbar

Remate und Cierre bilden im Unterricht kein überall gleich verwendetes Begriffspaar. Manche Lehrende trennen die lokale Zuspitzung deutlicher vom Abschnittsabschluss. Andere verwenden Remate weiter gefasst für abschließende Figuren oder sprechen bei einer deutlich schließenden Stelle bevorzugt von Cierre. Eine absolut feste Trennlinie würde diese Praxis unzutreffend vereinheitlichen.

Für dein Verständnis hilft deshalb eine Beschreibung, die ohne Etikett auskommt: Was endet an dieser Stelle, und welche Fortsetzung ist danach hörbar? Im ersten Tangos-Beispiel bekommt die laufende Passage einen prägnanten Punkt und geht weiter. Im zweiten endet ihr bisheriger Zusammenhang. Damit kannst du die Funktion benennen, auch wenn zwei Lehrende dieselbe Figur unterschiedlich bezeichnen.

Verwechsle eine kurze Ruhe außerdem nicht mit einem angehaltenen Compás. Die rhythmische Ordnung kann weiterlaufen, während der Tanz eine Grenze markiert. Ebenso kann eine energische Bewegung innerhalb eines noch offenen Verlaufs stehen. Lautstärke, Bewegungsgeschwindigkeit und Stillstand sind Hinweise, aber keine verlässlichen Definitionen.

Diese Unterscheidung verändert vor allem dein Hören: Du erkennst, wie groß der abgeschlossene Gedanke ist. Eine feste Fußschlagfolge brauchst du dafür nicht. Der musikalische Zusammenhang entscheidet, ob du eine lokale Pointierung, einen Abschnittsabschluss oder beides zugleich wahrnimmst.

Zwei Blickrichtungen auf denselben Moment

Detail

Die Wendung bekommt einen Punkt

Remate als lokale Zuspitzung

Du hörst, wie eine kleine Bewegungsidee ihr Gewicht bekommt. Die verdichtete Stelle macht die Wendung deutlich, während der größere Verlauf noch offen bleibt. Dieser Blick hilft dir, Ausdruck innerhalb einer Passage zu erkennen.

Form

Die Passage gibt den Platz frei

Cierre als Grenze im Verlauf

Du hörst, wie eine bisher zusammengehörige Passage endet. Der Abschluss schafft Raum für einen neuen musikalischen oder tänzerischen Gedanken, selbst ohne ausgedehnte Stille. Dieser Blick hilft dir, den Aufbau eines Tanzes zu verstehen.

Häufige Fragen

  1. Nach einem Cierre muss keine längere Pause kommen. Ein neuer Abschnitt kann unmittelbar anschließen, während der Compás durchläuft. Eine kurze Ruhe kann die Grenze hörbarer machen, ist aber kein notwendiges Erkennungsmerkmal. Achte darauf, ob die bisherige Passage abgeschlossen wirkt und eine andere Aufgabe beginnt.

Höre den Verlauf gemeinsam

Auf udansa findest du Tanzkontakte, mit denen du Flamenco-Passagen anhören und ihre Wirkung besprechen kannst. Gemeinsam könnt ihr Akzentpunkte und Abschnittsgrenzen an derselben Aufnahme entdecken.

Höre den Verlauf gemeinsam