Wie Dresden zum Ursprung des Ausdruckstanzes wurde
Dresden nimmt in der europäischen Tanzgeschichte eine Sonderstellung ein. Als sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Tänzerinnen von den starren Vorgaben des traditionellen Balletts lösten, wurde die Stadt zum Zentrum dieser künstlerischen Revolution. Anstelle vorgegebener Schrittmuster und strenger Körperhaltungen traten die individuelle Empfindung, der rhythmische Atem und der unmittelbare seelische Ausdruck. Mary Wigman prägte mit ihren Arbeiten eine radikal neue Form des Solotanzes, bei der Emotionen ohne Beiwerk durch den Körper transportiert wurden. Dieser historische Ausdruckstanz Dresden brach bewusst mit der Illusion von Leichtigkeit und thematisierte auch schwere, existenzielle Facetten des Menschseins.
Aus dieser Aufbruchstimmung heraus entwickelte sich eine eigenständige pädagogische Strömung, die bis heute nachwirkt. Gret Palucca, Schülerin von Wigman, gründete 1925 ihre eigene Tanzschule in der Stadt. Ihr Unterrichtsstil verband die freie Ausdruckskraft mit technischer Präzision, getragen von hoher Sprungkraft, Heiterkeit und vitalem Rhythmus. Dresden verwandelte sich dadurch von einem Ort bloßer Vorführungen in eine Lehrstätte, an der künftige Generationen den Tanz als ganzheitliche Kunstform begreifen lernten. Wer heute die Wurzeln zeitgenössischer Tanzstile verstehen möchte, blickt unweigerlich auf diese sächsische Tanztradition zurück.




